Wer im Internet unterwegs ist, kommt quasi nicht darum herum, sich immer wieder zu registrieren, sich anzumelden und Formulare auszufüllen. Sofern man nicht einfach nur recherchieren oder sich informieren will – z. B. bei Wikipedia oder diversen News- und Zeitungsangeboten – sind schnell Nutzername und Passwort gefragt, um ein Angebot nutzen zu können. Das gilt für Social-Media-Portale und Online-Shops genauso wie für Eventseiten (Ticket kaufen) und Tourismusanbieter (Hotel buchen) als auch für verschiedene Dienstleister wie Energieversorger, Mobilfunkanbieter (Verträge verwalten) etc.

Durch die Registrierung und die folgende Nutzung von Angeboten erhalten die betreibenden Unternehmen eine Menge Daten über jeden einzelnen Nutzer. Diese Daten sind für Unternehmen unglaublich wertvoll. Dabei geht der Großteil der Daten an GAFA – sprich an Google, Amazon, Facebook und Apple – was sich schon allein aus ihrer Marktmacht ergibt. Deutsche und europäische Unternehmen kommen da oft zu kurz und laufen Gefahr, in der Digitalisierung abgehängt zu werden. Um der Übermacht von GAFA entgegenzuwirken, haben sie deshalb einen Lösungsweg erarbeitet: Geplant ist die Einführung einer gemeinschaftlichen, zentralen Registrierungs-, Identitäts- und Datenplattform.

Datenplattform europäischer Unternehmen – der Gegenpol zu GAFA

Bei dieser Registrierungs-, Identitäts- und Datenplattform ist dann nur noch eine einmalige Registrierung und Identifizierung nötig. Im Gegenzug bekommt der Nutzer einen Generalschlüssel, der ihm Zugang zu verschiedenen Angeboten verschafft. Etwas Ähnliches ist auch schon bei einem Teil von GAFA möglich: Auf vielen Seiten (z. B. Spotify) haben Nutzer die Wahl, sich entweder mit einem angebotsspezifischen Nutzernamen und Passwort anzumelden oder sich ganz einfach und unkompliziert über ihr Facebook-Konto einzuloggen.

Login-Maske Spotify

Facebook-Anmeldung bei Spotify

Aktuell an der Planung dieser europäischen Datenplattform beteiligt sind Unternehmen wie die Allianz, Daimler, Deutsche Bank/Postbank, Axel Springer sowie Core und Here Technologies. Dabei soll es aber nicht bleiben, vielmehr ist eine kontinuierliche Erweiterung um Unternehmen aus den verschiedensten Branchen und Sektoren gewünscht. Selbst Behörden sollen eingebunden werden, sodass auch digitale Behördengänge ermöglicht werden. Insgesamt wollen die involvierten Unternehmen mit der Datenplattform die europäische Digitalwirtschaft fördern und ein Gegengewicht zu GAFA und der internationalen Plattformwirtschaft bilden.

Chancen und Risiken für die Nutzer

Betont werden bei diesem Vorhaben natürlich die Vorteile der Datenplattform für die Nutzer, die dann vor allem mit mehr Komfort und Sicherheit rechnen können. Mehr Komfort, weil nur noch eine Anmeldung mit dem Generalschlüssel nötig ist und dem Nutzer dadurch alle Angebote zur Verfügung stehen: Er kann in Online-Shops seine Einkäufe erledigen, per Online-Banking zahlen, danach digital Musik hören, lesen oder Filme streamen, er kann bei verschiedenen Anbietern Flug, Hotel, Mietwagen und am besten auch gleich noch ein Konzert-Ticket kaufen – und das alles über eine Plattform. Außerdem versprechen die Verantwortlichen mehr Sicherheit, weil die Datenplattform auf die verschärften Regelungen der 2018 in Kraft tretenden EU-Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) als auch auf die europäische eIDAS-Verordnung ausgerichtet ist. Anders als bei GAFA sollen die Nutzer zudem selbst entscheiden können, welche Daten sie auf der Plattform an- und weitergeben wollen.

Trotzdem sind bei einer solchen zentralen Datenplattform die Risiken nicht weit. Geht der Nutzer leichtsinnig mit seinem Generalschlüssel um, verliert ihn oder er gelangt auf anderem Wege in falsche Hände, haben Dritte nicht nur auf einen genutzten Dienst Zugriff, sondern auf alle, inklusive Online-Banking oder Ausweisbehörde. Abgesehen davon sollte sich der Nutzer um seine Daten Gedanken machen, denn je nach Zustimmung hat nicht mehr nur ein Unternehmen Zugriff, sondern alle beteiligten können sie nutzen. Damit würde sich also zu GAFA ein europäisches Konglomerat gesellen, das Nutzerdaten schluckt. Der Mensch wird so noch gläserner – das aber ist gleichzeitig die entscheidende Chance für die involvierten deutschen und europäischen Unternehmen.

Chance für europäische Unternehmen: mehr Daten ohne GAFA

Zwar stellen die Unternehmen, die das Konzept für die Registrierungs-, Identitäts- und Datenplattform entworfen haben, den Nutzen für den Internet-User in den Vordergrund, am größten dürfte jedoch ihr eigener Nutzen an dem Projekt sein – denn so können sie ihre eigenen Nutzerdaten sammeln und sind nicht mehr auf die Datenkraken GAFA angewiesen. GAFA haben bereits einen beachtlichen Anteil am Werbemarkt und am Handel, wachsen aber immer noch weiter – und bekommen so auch immer mehr Nutzerdaten. Darunter sind selbstverständlich auch Daten von deutschen und europäischen Nutzern, die für europäische Auftraggeber oder im Rahmen entsprechender Werbepartnerschaften erhoben wurden.

Das Problem auf europäischer Seite ist dabei, dass Google, Amazon, Facebook und Apple die gewonnenen Daten nicht immer teilen und nur wenige Informationen zurückgeben. So kommt es zu einem Ungleichgewicht auf dem digitalen Markt, denn je weniger Nutzerdaten ein Unternehmen zur Verfügung hat, desto schlechter kann es seine Verkaufs- und Werbemaßnahmen an Kundenwünsche anpassen und desto schwerer kann es seine digitalen Produkte oder Services personalisieren. Nicht ohne Grund besteht in Deutschland aktuell der Trend, dass Online-Händler mit Medienhäusern kooperieren und in diesem Rahmen Daten und Reichweite miteinander teilen. Für die beteiligten deutschen und europäischen Unternehmen ist die geplante Datenplattform also der beste Weg, sich aus der GAFA-Datenabhängigkeit zu befreien und einen eigenen Pool an Nutzerdaten zu schaffen und zu nutzen. Online-Marketing-Agenturen, Werbeagenturen, Business-Intelligence-Abteilungen, große Unternehmen – sie alle haben ein berechtigtes Interesse an der Datenplattform. Über je mehr Daten sie verfügen, desto erfolgreicher können sie arbeiten.

Noch ist jedoch nicht klar, ob sie auch wirklich kommen wird – denn ohne die Zustimmung der zuständigen Wettbewerbsbehörde ist das Projekt nichts als eine Vision verschiedener Unternehmen. Verhandlungen laufen aber und Details wie der Starttermin werden gerade erarbeitet.